Sri Lanka - Zwischen Paradies und Hölle
Viel hatte ich über den Bürgerkrieg in Sri Lanka, der Perle im Indischen Ozean bereits gelesen und gehört, doch als ich das erste Mal im Jahre 2003 die zerstörten Häuser und verbrannten Palmen im Norden der Insel sah, überkam mich ein tiefes Gefühl der Betroffenheit und Traurigkeit. Da gab es gerade mal wieder einen Waffenstillstand. Das Ausmaß der Zerstörungen nahm mir den
Atem; was sich hier abgespielt hatte, konnte man sich in den anderen Landesteilen nicht vorstellen. Ja, der Krieg schien in den großen Siedlungszentren im Süden und Südwesten des Landes eine seltsam abstrakte Angelegenheit zu sein. Erst recht im Ausland; denn es blieb für Touristen möglich, in den idyllischen Urlaubsorten im Süden der Insel zu weilen, ohne etwas von dem mitzubekommen, was sich nur 200 bis 250 Kilometer entfernt abspielte.

Zu dieser Zeit begann ich mich ernsthaft mit einem der langwierigsten Bürgerkriege der Welt auseinanderzusetzen. Eine weitere schicksalhafte Erfahrung machte ich im Jahre 2005, kurz
nachdem der Tsunami das Land auf so grausame Weise getroffen hatte, Tausende Menschen tötete und unendlich viele Häuser eben auch wieder in den Bürgerkriegsgegenden des Ostens und Nordens zerstörte. Als ich die lange Küste des Ostens entlangfuhr, war offensichtlich, dass die Wellen des Tsunami neue Narben in ein noch zerstörtes Land gebracht hatten, aber man konnte nicht mehr klar unterscheiden, welches die alten Narben waren und was die neuen.

In dieser Zeit hoffte alle Welt, dass unter dem Eindruck der immensen weltweiten Solidarität zugunsten der Tsunami-Opfer und für einen Wiederaufbau des Landes die Bürgerkriegsparteien zur
Besinnung kommen würden. Im ebenfalls vom Tsunami stark zerstörten indonesischen Aceh ergriffen die dortigen Bürgerkriegsparteien die historische Chance zum dauerhaften
Friedensschluss. Aber was geschah in Sri Lanka? Hier begannen mich Meldungen zu irritieren, die nach Jahren relativer Ruhe im Lande wieder von Scharmützeln hier und dort berichteten. Diese nahmen immer mehr den Charakter von Kriegsberichterstattungen an, mit denen sich beide Seiten mit jeweils höheren Opferzahlen auf der jeweils anderen Seite brüsten wollten.

Trotzdem sah ich im alltäglichen Leben des Landes ein scheinbar friedliches Nebeneinander von Singhalesen und Tamilen. Von da an ließ mich das Phänomen Bürgerkrieg in Sri Lanka endgültig nicht mehr los. Ein Phänomen, das vergleichsweise unbeachtet von der Weltöffentlichkeit blieb. Doch nach der Anzahl der Opfer kommt Sri Lanka gleich nach unrühmlichen, aber viel bekannteren Konflikten wie Irak und Afghanistan. Es blieb ein weitgehend vergessener Konflikt auf dieser von der Natur her so gesegneten Insel - bis auf sein aufsehenerregendes Ende im Mai 2009.
Frank Müller

Introduction
I had read and heard a lot about the civil war in Sri Lanka, the pearl in the Indian Ocean, but when I first saw in 2003 the destroyed homes and burned trees in the north of the island, I was overwhelmed by a profound sense of sadness and mourning.
There had just been another ceasefire. The extent of the destruction took my breath away. What had happened here one could not imagine in other parts of the country. This war seemed to be a strangely abstract matter in the major urban centers in the south and southwest of the country. It was still possible for tourists to visit idyllic resorts in the south of the island without having any idea of what was going on only 200 to 250 kilometers away. At that time I began to seriously think about one of the most protracted civil wars in the world.
Another fateful experience came in 2005, shortly after the tsunami has hit the country in such a cruel manner. Thousands of people were killed and countless homes destroyed again in the civil war zones of the east and north alone. As I drove along the long coast of the east it was evident that the tsunami waves brought new scars to a still devastated country. You could not distinguish which were old scars and which were new.
During this time everyone hoped that due to the immense global solidarity aimed at helping tsunami victims and reconstructing the country, conflicting parties would come to their senses. In Aceh,
Indonesia, an area even more damaged by tsunami than Sri Lanka, that’s exactly what happened. There they took a historic opportunity for lasting peace. But what happened in Sri Lanka? There I received irritating messages reporting skirmishes here and there after years of relative calm. This increasingly took on the character of war coverage with both sides boasting the number of victims inflicted upon the other.
Nevertheless, I saw in the everyday life of the country a seemingly peaceful coexistence of the Sinhalese and Tamils. From then on the phenomenon of civil war in Sri Lanka permanently kept me hooked.
It’s a phenomenon that remained relatively unnoticed by the world.
But according to the number of victims the Sri Lankan war falls immediately after inglorious but much better-known conflicts such as Iraq and Afghanistan. It remains a largely forgotten conflict on this
island so blessed by nature - except for its spectacular end on May 2009.
Frank Mueller